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10 Technologie-Trends, die unsere Zukunft prägen: #2 Extended Reality

Im Whitepaper „Beyond 2026“ untersucht die bwcon research, welche technologischen Entwicklungen bis 2045 maßgeblich bestimmen werden, wie wir arbeiten, produzieren, forschen und leben. Einer der identifizierten Trends ist Extended Reality: Die Grenzen zwischen physischer und digitaler Welt verschwimmen – immersive Umgebungen schaffen neue Formen des Lernens, Arbeitens und Erlebens.

Extended Reality (XR) ist ein Sammelbegriff für immersive Technologien, die physische und digitale Realitäten miteinander verschmelzen. Dazu zählen:

 

  • Virtual Reality (VR): vollständiges Eintauchen in computergenerierte Umgebungen.
  • Augmented Reality (AR): digitale Inhalte werden in die reale Welt eingeblendet.
  • Mixed Reality (MR): reale und virtuelle Elemente interagieren dynamisch miteinander.

 

Ziel von XR ist es, interaktive und multisensorische Erlebnisse zu ermöglichen, die zunehmend in Branchen wie Unterhaltung, Bildung, Industrie, Gesundheitswesen und öffentlicher Verwaltung zum Einsatz kommen [14, 15].

 

Der Begriff der vollständig virtuellen Welt wurde bereits 1992 in Neal Stephensons Roman „Snow Crash“ als „Metaverse“ beschrieben – eine Vision, die durch Fortschritte in XR-Technologie und durch Investitionen globaler Technologiekonzerne wie Meta, Apple und Microsoft neue Relevanz erlangt hat.

 

Der Trend: Vom Konzept zur produktiven Realität

 

Die Anfänge immersiver Technologien reichen bis in die 1960er-Jahre zurück – etwa zum Sensorama oder dem ersten Head-Mounted-Display (Sword of Damocles). Doch erst durch Fortschritte bei Grafikprozessoren, Tracking-Systemen und mobilen Endgeräten ist XR in den letzten Jahren massentauglich geworden.

 

Insbesondere die Weiterentwicklung der Hardware ist der Motor der aktuellen Dynamik. Moderne XR-Geräte wie die Apple Vision Pro, Meta Quest 3 oder Magic Leap 2 bieten

 

  • höhere Auflösung und Farbtiefe (z. B. Micro-OLED),
  • präzises Raum-Tracking durch Sensorfusion,
  • ergonomischere Bauformen und
  • geringere Latenzen zur Reduktion von Motion Sickness.

 

Der Übergang von reiner VR zu immersiver Mixed Reality (z. B. Passthrough-Funktionalität) ist ein technologischer Meilenstein, der XR auch für produktive Alltagsanwendungen nutzbar macht [15].

 

Erwarteter Business Impact: Von immersiven Erlebnissen zu neuen Geschäftsmodellen

 

Laut Schätzungen von McKinsey [14] wird der globale XR-Markt bis 2030 ein Volumen von über 600 Milliarden US-Dollar erreichen. Besonders dynamisch entwickeln sich:

 

  • Gaming und Entertainment: etwa durch plattformübergreifende VR-Spiele, virtuelle Konzerte oder immersive Filmformate
  • Bildung und Training: z. B. mit virtuellen Klassenräumen, AR-gestützten Lernszenarien und Onboarding-Simulationen
  • Medizin: für präoperative Planung, Fern-Operationstrainings, Schmerztherapie oder kognitive Reha
  • Industrie und Logistik: für virtuelles Prototyping, Fernwartung, Lagerautomatisierung und Sicherheitsunterweisungen
  • Architektur und Stadtplanung: etwa durch begehbare 3D-Modelle und partizipative XR-Beteiligungsformate

 

Die Kombination von XR mit 5G, IoT, Edge Computing und KI eröffnet neue digitale Ökosysteme, die physische und virtuelle Realität dauerhaft miteinander vernetzen.

 

Ein Beispiel dafür ist „Metaverse Seoul“, eine städtische Plattform, die XR für digitale Bürgerdienste, Stadtinformation, Bildung und virtuelle Verwaltungsangebote nutzt. Solche Ansätze zeigen das Potenzial, XR in die öffentliche Infrastruktur zu integrieren – als Teil smarter, partizipativer Städte.

 

Dabei lässt sich eine inhaltliche Weiterentwicklung des Konzepts von Second Life erkennen – einer frühen, 2003 gestarteten virtuellen 3D-Welt, die erstmals soziale und wirtschaftliche Aktivitäten in den digitalen Raum verlagerte. Während Second Life vor allem auf Interaktion über Bildschirme beschränkt blieb, ermöglichen moderne XR-Umgebungen wie Metaverse Seoul heute immersive, realitätsnahe Erfahrungen und die Verknüpfung mit realen Verwaltungs- und Bildungsprozessen.

 

Chancen und Herausforderungen für Start-ups und den Mittelstand in Deutschland

 

Im Grundsatz führt diese Technologie zu einem engeren Zusammenwachsen zwischen einer realen Welt und einer virtuellen Welt, die Teilaspekte der realen Welt abbilden kann. Durch ein schnelleres Abspulen des virtuellen Teils, kann man in die eigene Zukunft schauen und sich somit auf bestimmte Gegebenheiten vorbereiten. In einem ersten Schritt können Daten für eine bessere Entscheidungsgrundlage bereitgestellt werden, mittelfristig kann man dann Entscheidungsautonomie in die virtuelle Welt übertragen.

 

Für deutsche Start-ups und mittelständische Unternehmen bietet Extended Reality signifikante Potenziale zur Digitalisierung und Differenzierung in zunehmend globalisierten Märkten. Laut einer Erhebung des Bitkom e. V. [17] sehen 74 % der deutschen Industrieunternehmen XR als wichtigen Zukunftstrend, insbesondere im Bereich Fernwartung, Training und Maschinenvisualisierung als Anwendungsfelder für Optimierung und Effizienzsteigerung, aber auch komplett neue Geschäftsmodelle durch autonome Systeme und Agenten, die bestimmte Aufgaben eigenständig ausführen. Die Integration immersiver Technologien kann somit neue Geschäftsfelder erschließen mit deren Hilfe dem demographischen Wandel und somit dem Fachkräftemangel adäquat begegnet werden kann.

 

Chancen ergeben sich besonders in Bereichen wie:

 

  • Spezialisierte Branchenlösungen, z. B. XR-gestützte Montage- und Servicetrainings im Maschinenbau oder bei Hidden Champions
  • Digitale Dienstleistungen und neue Geschäftsmodelle, wie XR-as-a-Service, White-Label-Plattformen oder mobile AR-Lösungen für Wartung und Bau
  • Frühzeitige Positionierung im öffentlichen Sektor, z. B. im Rahmen von Smart-City-Projekten oder bei der Digitalisierung kommunaler Dienste

 

Laut PwC [18] profitieren Unternehmen dann besonders, wenn sie XR in vorhandene Prozesse integrieren, statt isolierte Pilotprojekte zu betreiben – Stichwort: „Use-case-driven XR“.

 

Gleichzeitig bestehen zentrale Herausforderungen:

 

  • Der Einstieg in XR erfordert Investitionen in Content-Produktion, User Experience und Hardwarebeschaffung – laut dem XR-Hub Bavaria [19] ein zentrales Hemmnis für kleine Unternehmen.
  • Es mangelt an XR-spezifischen Fachkräften, insbesondere an Entwickler*innen mit Erfahrung in Unity, Unreal Engine oder interaktiver 3D-Gestaltung.
  • Auch die Art und Weise wie Deutschland den Datenschutz lebt, rechtliche Unsicherheit
    (z. B. bei biometrischer Datennutzung) und komplexe Plattformabhängigkeiten (z. B. Apple vs. Meta) bremsen eine breitere Umsetzung in Deutschland.

 

Das ganze Whitepaper zum Download gibt es hier >>

 

Quellen:

[14] McKinsey & Company, „The Future of Extended Reality,“ 2024. [Online].

[15] Gartner, „Hype Cycle for Extended Reality,“ 2023. [Online]. 

[17] Bitkom, „Industrie digitalisiert – XR, KI und 5G im Mittelstand.,“ 2023. [Online].

[18] PwC, „XR in Industry 4.0 – Trends and Opportunities,“ 2022. [Online].