Das komplette Interview gibt es zum Hören auf dem bwcon Podcast Kanal >>
Anne Dröge: Herzlich willkommen zu einer neuen Folge des „Innovator of the month“. Heute spreche ich mit Dr. Jörg Ortmaier von Biomassets. Wir sind immer auf der Suche nach innovativen Köpfen aus der Region. Ich freue mich, dass ich heute zum 27. Mal neugierige Fragen stellen darf. Jörg, herzlich willkommen in dieser Runde.
Dr. Jörg Ortmaier: Hallo, ich freue mich sehr, hier zu sein.
Anne Dröge: Was ist Biomassets? Was steht dahinter? Kannst du das in zwei Sätzen erklären?
Jörg Ortmaier: Biomassets bedeutet: Biomasse zu Assets. Wir beschäftigen uns mit biogenen Reststoffen, die aktuell nicht genutzt oder wertschöpfend eingesetzt werden – etwa Straßenbegleitgrün oder Landschaftspflegematerial. Diese Reststoffe wollen wir in Wertschöpfung bringen, sei es für Energie, Wärme, Wasserstoff oder andere Produkte. Mit diesem Themenfeld beschäftigen wir uns intensiv, entwickeln neue Konzepte und bringen sie in den Markt.
Anne Dröge: Welches dieser Konzepte steht momentan ganz vorne auf eurer Agenda?
Jörg Ortmaier: Das hängt vom Bewertungsmaßstab ab. Bei der Praxisreife sind es die Pelletierung und deren Vermarktung sowie die Energiegewinnung für Wärme – besonders im Zusammenhang mit kommunaler Wärmeplanung oder Prozesswärme in der Industrie, wenn höhere Temperaturen nötig sind als Industriewärmepumpen liefern. Bisher wird dafür meist Holzbiomasse genutzt, aber wir können sie teilweise oder ganz durch Halmbiomasse ersetzen. Das ist anspruchsvoller, aber möglich – und ohne Konkurrenz um Holz oder Flächen. Langfristig sind Themen wie erneuerbare Gase – Wasserstoff, Methanol, E-Fuels – spannender, aber noch nicht so praxisreif.
Anne Dröge: Was genau ist deine Rolle – und wer sind deine Mitstreiter?
Jörg Ortmaier: Wir sind zu zweit: Daniela Horna und ich. Wir teilen vieles, aber ich bin eher auf der technologischen Seite sowie im Kontakt mit Partnern und potenziellen Kunden unterwegs. Daniela übernimmt viel Administratives und Projektarbeit – sie war zum Beispiel federführend bei unserer ESA-BIC-Förderung.
Anne Dröge: War es schon immer dein Ziel zu gründen, oder ist das eher zufällig entstanden?
Jörg Ortmaier: Das war früher nicht mein Ziel. Es ergab sich, als ich merkte, dass man auf normalen Wegen nicht weiterkommt. Schon im Studium dachte ich oft: Es gibt so viele gute Konzepte, aber die passenden Leute oder Firmen zu finden ist schwierig. Und das Risiko ist groß, dass einem Ideen abgenommen werden und man leer ausgeht. Gleichzeitig kommt man allein nicht weit. Irgendwann blieb nur die Option, selbst mit guten Leuten etwas aufzubauen.
Anne Dröge: Du bist aktuell im Angestelltenverhältnis und baust parallel das Start-up auf. Wie oft dachtest du schon: „Jetzt wird es zu viel“ – und was treibt dich trotzdem an?
Jörg Ortmaier: Ich bin von unseren Themen überzeugt. Mir ist aber klar, dass solche Projekte Zeit brauchen und erst später Geld fließt. Wir wissen, dass wir nicht sofort viel verdienen werden, aber langfristig profitieren. Ich kenne meine Grenzen und weiß, wann ich langsamer machen muss. Die Teilzeit-Anstellung hat Vorteile – sie gibt Sicherheit, während ich trotzdem genug Zeit für Biomassets habe. Es ist keine Doppelbelastung neben einem Vollzeitjob, sondern ein guter Mix. Natürlich könnte man mehr schaffen, wenn man nicht ständig zwischen Themen und Standorten wechseln müsste, aber insgesamt tut mir der Ausgleich gut.
Anne Dröge: Also kein Lifestyle‑Teilzeit, sondern echte Doppelarbeit.
Jörg Ortmaier: Kann man so sagen. Aber mein Lifestyle ist Biomassets – das ist mein Ausgleich.
Anne Dröge: Viele denken bei Biomasse sofort an Biogas. Ihr sagt aber: Biomasse kann viel mehr. Kannst du uns da mitnehmen?
Jörg Ortmaier: Biogas ist etabliert, aber die Branche hat viele Probleme – wöchentlich geben Anlagen auf, wenn die EEG-Förderung endet und garantierte Preise fehlen. Gleichzeitig ist Biogas eine Quelle erneuerbarer Gase: Wasserstoff, CO₂, Methan. Auch das Heizungsgesetz sorgt für Diskussionen, zum Beispiel über Biomethan für Gasheizungen. Wir setzen am Rand auch auf Biogas, aber stärker auf Biomassevergasung – thermochemische Konversion wie Pyrolyse oder Holzgasverfahren. Diese nutzen Kohlenstoff vollständiger, steigern die Energieausbeute pro Fläche, reduzieren Transporte und flüssige Rückstände. Natürlich hat das Vor- und Nachteile, aber ich bin ein Fan von hoher Flächeneffizienz und variablen Inputstoffen. Und wir wollen weg vom Mais hin zu echten Reststoffen aus Landschaftspflege, Biodiversitätsflächen und Schutzgebieten.
Anne Dröge: Wer genau ist eure Zielgruppe?
Jörg Ortmaier: Entlang der ganzen Wertschöpfungskette – Landwirtschaftsbetriebe, Stadtwerke, Kommunen. Langfristig vielleicht sogar Raffinerien, wenn es um Wasserstoff geht, aber da sind wir noch früh dran.
Anne Dröge: Kannst du uns eine beispielhafte Wertschöpfungskette skizzieren?
Jörg Ortmaier: Ein Landwirt im Allgäu, der früher Milchvieh hatte, nutzt jetzt Extensivierungsprämien. Das Gras hat späte Mähzeitpunkte, lässt sich kaum vermarkten, muss aber einmal im Jahr runter. Wir könnten es trocknen und pelletieren. Dann stellt sich die Frage: Können wir es vermarkten? Oder in der kommunalen Wärmeplanung nutzen – als saisonalen Energiespeicher, der im Winter Wärme liefert. Abnehmer wären Industrie, Gemeinden oder Stadtwerke.
Anne Dröge: Und was ist euer Part?
Jörg Ortmaier: Die Akteure zusammenbringen, die Wirtschaftlichkeit sicherstellen und mit Anlagenherstellern zusammenarbeiten. Pellets aus schwierigen Biomassen kann man nicht in einer normalen Pelletanlage verbrennen – dafür braucht es spezielle Anlagen. Wir sorgen dafür, dass niemand im Dunkeln tappt.
Anne Dröge: Habt ihr eigene Maschinen und Anlagen oder nutzt ihr Partner?
Jörg Ortmaier: Wir vertreiben Anlagen mit Partnern – sowohl im Pelletbereich als auch für Holzgaserzeugung. Und wir schauen, wie wir ihre Variabilität erhöhen können.
Anne Dröge: Wenn zum Beispiel die Stadt Kirchheim auch euch zukommt und sagt: „Wir wollen loslegen“ – was sind die ersten Schritte?
Jörg Ortmaier: Wir prüfen, welche Biomassen verfügbar sind. In Kirchheim wäre der Kompostüberlauf spannend – Material, bei dem niemand genau weiß, wohin damit. Dann klären wir, ob wir es direkt in eine Anlage zur Wärme‑ oder Stromerzeugung geben können, wie zum Beispiel die Holzvergaser unserer Partner. Falls nötig, mischen wir weitere Reststoffe hinzu. Dann prüfen wir mögliche Standorte, ob es in der Wärmeplanung geeignete Punkte gibt, und schauen, welche weiteren Quellen Landwirte einbringen können – Stroh, Zwischenfrüchte, andere Reststoffe.
Anne Dröge: Ihr wart Teilnehmende bei unserem M.TECH Accelerator und Daniela im allerersten bwcon Innovation Lab. Was habt ihr mitgenommen? Gab es einen Moment, der einen Schalter umgelegt hat?
Jörg Ortmaier: Der Onepager-Workshop mit Frank Motte bleibt mir immer im Kopf. Das war eindrücklich, besonders weil unser Geschäftsmodell damals weniger klar war als bei typischen Start-ups. Eine weitere wichtige Erinnerung ist ein Gespräch mit Jürgen Jähnert zu digitalen Geschäftsmodellen. Unser ursprünglicher Ansatz war, nicht nur Anlagen zu verkaufen, sondern die erzeugten Pellets auch wieder abzunehmen und zu vermarkten. Oder Anlagen semimobil und ferngesteuert, strompreisgesteuert zu betreiben. Das hat unsere Gedanken strukturiert. Vieles davon sind Zukunftsthemen, aber wichtig für uns.
Anne Dröge: Wenn wir dich als Person betrachten: Was war dein größtes Learning auf dieser Reise?
Jörg Ortmaier: Wir haben zu früh gegründet. Gleichzeitig war es vielleicht gut so. Direkt aus der Hochschule war vieles neu. Während wir auf die Gründung hingearbeitet haben, sind die Marktpreise gefallen, und unser ursprüngliches Konzept funktionierte nicht mehr. Wir hatten gerade gegründet und mussten sofort umsteuern. Weil es um Großabnehmer ging, haben wir eine GmbH gegründet. Heute würde ich eher eine UG machen – aber ohne die GmbH hätten wir vielleicht schon aufgegeben. So hatten wir Kapital für erste Einnahmen und Bewerbungen für Forschungsprojekte.
Anne Dröge: Also ein sensibler Umgang damit, welcher Schritt wann kommt?
Jörg Ortmaier: Absolut. Das sind die Learnings, die einem jeder sagt – aber die man erst versteht, wenn man sie selbst erlebt. Typisch First-Time-Founder: Man macht Fehler, aber jetzt wissen wir es besser.
Anne Dröge: Wenn wir Daniela fragen würden: Welche drei Eigenschaften würde sie dir zuschreiben?
Jörg Ortmaier: Kreativ und innovativ – manchmal so sehr, dass andere nicht mitkommen. Etwas verwirrend vielleicht. Dann würde sie sagen, dass ich Dinge manchmal rausschiebe, die eigentlich dringend sind. Sie wird dann nervös, und ich bleibe bei meinem Motto: „Diamanten entstehen unter Druck.“ Für sie heißt das eher erhöhter Puls.
Anne Dröge: In Bezug auf euer Start-up: Was ist euer nächster Schritt? Und wo kann euch das Netzwerk helfen?
Jörg Ortmaier: Wir arbeiten an vielen Themen gleichzeitig – CO₂‑Vermarktung, erneuerbare Gase wie Wasserstoff, Prozesswärme, Wärmenetze. Wir sind im Pre‑Engineering für konkrete Fälle. Wenn die Wirtschaftlichkeit passt – und das tut sie –, wollen wir umsetzen, solange keine Regulierung dazwischenkommt. Das Netzwerk kann uns helfen, lokale Bedarfe zu identifizieren: Wasserstoff in der Industrie, Prozesswärme, Wärmenetze. Grundsätzlich fehlen uns Vertriebsressourcen – wir sind zwei Wissenschaftler, und das ist unser Schwachpunkt. Ein typisches Henne‑Ei‑Problem.
Anne Dröge: Du solltest dich mal mit Thorsten, einem unserer letzten Innovatoren, zusammenschließen – oder kennst du ihn schon?
Jörg Ortmaier: Ja! Wir hatten witzigerweise montags telefoniert, und dann kam gleich deine Mail. Er hat mich direkt auf LinkedIn kontaktiert. Und wir haben uns zufällig bei einem Vortrag getroffen, bei dem ich für meinen Teilzeitjob eingeladen und er Referent war. Das Netzwerk ist wirklich schnell.
Anne Dröge: Ich spiele mal die gute Fee: Wenn ihr einen Wunsch frei hättet – was wäre es?
Jörg Ortmaier: Ein Vertriebler aus dem Bilderbuch.
Anne Dröge: Und mit welcher Persönlichkeit würdest du gerne mal einen Kaffee trinken?
Jörg Ortmaier: Das sind ja Fragen wie bei einem Bewerbungsgespräch. Ich komme gerade auf niemanden. Hilf mir kurz – oder wir gehen einfach zusammen einen Kaffee trinken.
Anne Dröge: Das machen wir! Eine letzte Frage: Welche Dinge müssen passieren, damit ihr später sagen könnt: „Biomassets war eine supergeile Idee – wir haben es geschafft“? Was wollt ihr erreichen?
Jörg Ortmaier: Ich wünsche mir, dass wir in zehn Jahren noch existieren und vielleicht 20 bis 50 Leute sind. Dass wir etwas Sinnvolles für die Umwelt tun, unsere Ressourcen – inklusive fossiler – schonen und gleichzeitig wirtschaftlich Energie produzieren können, vielleicht sogar so günstig wie Erdgas früher. Zahlen setze ich ungern, aber das ist der Weg.
Anne Dröge: Zum Abschluss ein kurzes Entweder-oder-Spiel:
Frühaufsteher oder Nachtmensch? Nachtmensch.
Whiteboard oder Waldspaziergang zum Nachdenken? Beides.
Vision zeichnen oder Business Case rechnen? Rechnen.
Homeoffice oder vor Ort? Die Mischung macht’s.
Große Vision oder nächster machbarer Schritt? Große Vision.
Förderantrag oder Kundengespräch? Kundengespräch.
Kaffee oder Tee? Kommt auf die Tageszeit an.
LinkedIn‑Post oder persönliches Gespräch? Persönliches Gespräch.
Sicherheit im Angestelltenverhältnis oder Adrenalin im Gründungsalltag? Die Mischung macht’s.
Anne Dröge: Ganz herzlichen Dank für deine Einblicke und deinen frühen Start in den Tag. Wir haben noch weitere Innovator*innen in der Pipeline, also gerne wieder reinschauen!
Weitere interessante Persönlichkeiten aus der Region
Eine Übersicht über alle Innovator of the month und Regional Champions finden Sie hier. Und wer lieber zuhört statt liest, ist beim bwcon Podcast Kanal auf Spotify genau richtig.