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Die politischen Denkfehler hinter überteuertem und wertlosem Strom  

Die Energiewende hat das Energiesystem verändert – die Steuerlogik nicht 

 

Die Energiewende wird meist als Technologieprojekt verstanden. Diskutiert werden Windräder, Solaranlagen, Batterien, Wärmepumpen und Wasserstoff. Tatsächlich verändert sie jedoch weit mehr als die Art der Stromerzeugung: Sie verändert die Architektur des gesamten Energiesystems. 

Das alte System war einfach. Einige hundert Großkraftwerke versorgten Millionen passive Verbraucher. Strom floss in eine Richtung, vom Kraftwerk zum Kunden. Erzeugung, Steuerung und Preisbildung konnten zentral organisiert werden. Heute sieht die Realität anders aus. Millionen Photovoltaikanlagen, Batteriespeicher, Wärmepumpen und Elektrofahrzeuge erzeugen, speichern und verbrauchen Energie dezentral. Aus Verbrauchern werden aktive Marktteilnehmer. 

 

Doch während das Energiesystem dezentral geworden ist, bleibt seine Steuerlogik weitgehend zentral. Genau daraus entstehen viele der heutigen Probleme: Stromüberschüsse und Stromknappheit gleichzeitig, Negativpreise, Abregelungen erneuerbarer Energien und steigende Systemkosten. Netzengpässe werden vor allem durch Netzausbau adressiert, Ungleichgewichte durch zentrale Eingriffe und steigende Anforderungen durch zusätzliche Infrastruktur. Das greift zunehmend zu kurz. 

 

Die zentrale Herausforderung besteht deshalb nicht mehr nur darin, Strom zu erzeugen und zu transportieren. Sie besteht darin, Erzeugung, Speicherung und Verbrauch intelligent zu koordinieren. Die Energiewende wird deshalb immer weniger zu einem Ausbauprojekt und immer mehr zu einer Koordinationsaufgabe. 

 

Der entscheidende Engpass ist nicht die fehlende Kilowattstunde, sondern die intelligente Nutzung der bereits vorhandenen Ressourcen. 

 

Die Energiewende nutzt nur die Hälfte ihrer Steuerungsinstrumente 

 

Komplexe Systeme lassen sich grundsätzlich auf vier Ebenen steuern: durch Regulierung, Technologie, ökonomische Anreize und menschliches Verhalten. Erfolgreiche Systeme nutzen diese Ebenen im Zusammenspiel: Sie schaffen Regeln und eine Infrastruktur, lenken Entscheidungen aber zugleich über Preise, Anreize und Automatisierung. 

 

Genau hier liegt eine Schwäche der deutschen Energiewende. Politische Entscheidungen konzentrieren sich bislang vor allem auf Regulierung und Technologie: neue Gesetze, neue Förderprogramme, neue Netze und neue technische Vorgaben. Diese Instrumente bleiben wichtig, werden aber zunehmend teuer. Ökonomische Anreize und menschliches Verhalten werden dagegen deutlich schwächer genutzt. 

 

Viele Verbraucher sehen bis heute nicht, wann Strom knapp oder im Überfluss vorhanden ist. Preissignale, die Angebot und Nachfrage koordinieren könnten, erreichen große Teile des Marktes nicht. Dabei ermöglichen moderne Technologien längst eine automatische Anpassung von Verbrauch und Speicherung. Elektrofahrzeuge, Batteriespeicher und Wärmepumpen können auf Preis- oder Netzsignale reagieren, ohne dass Nutzer ständig Entscheidungen treffen müssen. 

 

Die Energiewende ist deshalb nicht nur eine technologische Herausforderung. Sie ist ebenso eine Frage intelligenter Marktgestaltung. Erst das Zusammenspiel von Regulierung, Technologie, Ökonomie und Verhalten ermöglicht ein effizientes und kostengünstiges Energiesystem. 

 

Flexibilität – die bislang ungenutzte Systemressource der Energiewende 

 

Die erste Phase der Energiewende bestand darin, erneuerbare Erzeugungskapazitäten aufzubauen. Die nächste Phase besteht darin, Erzeugung, Speicherung und Verbrauch intelligent zu koordinieren. Dafür wird Flexibilität zur entscheidenden Ressource. 

In der alten Energiewelt folgte die Stromerzeugung dem Verbrauch. Mit Wind- und Solarenergie kehrt sich diese Logik teilweise um. Das Angebot schwankt mit Wetter, Tageszeit und Jahreszeit. Deshalb muss künftig nicht nur die Erzeugung flexibel sein, sondern auch ein Teil des Verbrauchs. Batteriespeicher können Strom zeitlich verschieben, Elektrofahrzeuge ihre Ladezeiten anpassen und Wärmepumpen Wärme speichern. Energiemanagementsysteme können Verbrauch automatisch in Zeiten hoher Stromerzeugung verlagern.

 

Der entscheidende Punkt: Diese Flexibilität erfordert meist keinen Verzicht, sondern kann durch Automatisierung entstehen. 

 

Für den einzelnen Haushalt mag der Effekt gering erscheinen. Millionen Haushalte gemeinsam können jedoch Lastspitzen reduzieren, Netzengpässe entschärfen, Abregelungen vermeiden und erneuerbare Energien effizienter nutzen. Damit könnte eine stabile Grundlast im Netz auf höherem Niveau geschaffen werden. Die eigentliche Innovation der Energiewende liegt daher nicht allein darin, dass Millionen Haushalte Strom erzeugen können. Sie liegt darin, dass sie – durch die richtigen Anreize und Technologien – aktiv zur Stabilisierung des Energiesystems beitragen können. 

 

Das Besondere daran: Die notwendigen Technologien werden bereits heute millionenfach installiert. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Deutschland über ausreichend Flexibilität verfügt, sondern warum diese Flexibilität noch immer so wenig systematisch genutzt wird. 

 

Sechs Denkfehler, die die Energiewende unnötig verteuern 

 

Die technischen Bausteine eines flexiblen Energiesystems existieren längst. Trotzdem steigen die Systemkosten weiter. Der Grund liegt zunehmend nicht in fehlender Technologie, sondern in politischen Denkmodellen, die aus der Zeit zentraler Großkraftwerke stammen. 

 

Denkfehler 1: Infrastruktur kann Koordination ersetzen 

Netze sind wichtig. Sie ersetzen jedoch keine intelligente Steuerung. Viele politische Antworten setzen weiterhin auf zusätzlichen Netzausbau, obwohl sich ein Teil von Lastspitzen und Engpässen durch die bessere Koordination vorhandener Ressourcen vermeiden ließe. Wer Flexibilität ignoriert, baut Infrastruktur für Lastspitzen, die möglicherweise nie entstehen müssten.  

 

Denkfehler 2: Verbraucher sind passive Stromabnehmer 

Die Regulierung behandelt Haushalte häufig noch wie reine Endverbraucher. Tatsächlich können viele Haushalte bereits Strom erzeugen, speichern und ihren Verbrauch flexibel anpassen. Die Politik betrachtet diese Ressourcen jedoch häufig als zusätzliche Last für das Netz statt als Teil der Lösung. Damit wird die vielleicht wichtigste Veränderung der Energiewende übersehen: Stabilität entsteht künftig nicht mehr nur in Kraftwerken, sondern in Millionen Haushalten und deren netzdienlichen Verhalten. 

 

Denkfehler 3: Strom hat immer und überall denselben Wert 

Eine Kilowattstunde ist nicht zu jeder Zeit gleich wertvoll. Strom im Überfluss hat einen anderen Systemwert als Strom in einer Mangelsituation. Ebenso unterscheiden sich die Kosten für Transport und Bereitstellung erheblich. Trotzdem werden diese Unterschiede für viele Marktteilnehmer kaum sichtbar und man muss sich die Frage stellen, warum dies so ist?  

Die Folge: Strom wird verbraucht, gespeichert oder eingespeist, ohne den tatsächlichen Zustand des Systems zu berücksichtigen. Wo Preissignale fehlen, bleibt Flexibilität ungenutztund verteuern Strompreise. 

 

Denkfehler 4: Die Energiewende ist primär ein Technologieprojekt 

Die Energiewende wird häufig als Austausch alter Technik gegen neue Technik verstanden. Kohlekraftwerke werden durch Windkraftanlagen ersetzt. Verbrenner durch Elektroautos. Gasheizungen durch Wärmepumpen.  

 

Doch die eigentliche Innovation liegt zunehmend in der Vernetzung dieser Technologien. Zum ersten Mal können Millionen Erzeuger, Speicher und Verbraucher in Echtzeit miteinander interagieren. Der Engpass liegt deshalb zunehmend nicht bei der Technologie, sondern bei den Regeln, die ihre Zusammenarbeit ermöglichen. 

 

Denkfehler 5: Mehr Stromproduktion löst das Problem 

Zusätzliche Stromerzeugung führt nicht automatisch zu einem besseren Energiesystem. Entscheidend ist, ob Strom zum richtigen Zeitpunkt und am richtigen Ort genutzt werden kann. Ein Überschussstrom, der abgeregelt, verschenkt oder zu Negativpreisen exportiert werden muss, erhöht zwar die Produktion, löst aber keine Systemprobleme. Nicht jede zusätzliche Kilowattstunde schafft zusätzlichen Nutzen. 

 

Denkfehler 6: Die Energiewende ich kein Digitalisierungsprojekt 

 Im Mittelpunkt vieler Debatten und Förderungen standen Windkraftanlagen, Solaranlagen, Netze und Speicher.  Intelligente Messsysteme, wie Smart Meter, digitale Kommunikation, automatisierte Steuerung wurden dabei nie als Voraussetzung für eine gelungene Energiewende betrachtet. Während Millionen neuer Anlagen installiert wurden, blieb die digitale Infrastruktur für ihre Koordination über Jahre zurück. Die Energiewende wurde technisch aufgebaut, ohne gleichzeitig die Werkzeuge bereitzustellen, die für ihre intelligente Steuerung erforderlich sind.  

 

Intelligente Steuerung statt Planwirtschaft

 

Preissignale statt Blindflug - Transparenz statt Planwirtschaft 

In vielen Bereichen der Wirtschaft steuern Preise Angebot und Nachfrage. Im Stromsystem gilt das bislang nur eingeschränkt. Dynamische und lokal wirksame Preissignale machen den tatsächlichen Wert von Strom sichtbar und schaffen Anreize, Verbrauch, Speicherung und Einspeisung am Bedarf des Systems auszurichten.  

 

Intelligente Steuerung statt manuellen Verzichts 

Flexibilität darf nicht davon abhängen, dass Verbraucher ständig auf Strompreise schauen oder ihr Verhalten manuell anpassen. Die Lösung liegt in Automatisierung. Elektrofahrzeuge, Batteriespeicher und Wärmepumpen können bereits heute selbstständig auf Preis- und Netzsignale reagieren. Während Nutzer lediglich ihre Anforderungen definieren, übernimmt die Technik die Optimierung.  So bleibt der Komfort erhalten, während das Energiesystem entlastet und Systemkosten gesenkt werden. 

 

Elektrofahrzeuge als Speicherreserve 

Mit der Elektrifizierung des Verkehrs entsteht eine der größten dezentralen Speicherressourcen Deutschlands. Die meiste Zeit stehen Fahrzeuge ungenutzt auf Parkplätzen oder in Garagen. Werden Ladevorgänge intelligent gesteuert, können erhebliche Strommengen in Zeiten hoher Erzeugung aufgenommen und Lastspitzen vermieden werden. Sie sind dadurch nicht nur Verkehrsmittel, sondern auch Systemkomponenten des Stromnetzes.  Statt überschüssigen Strom zu negativen Preisen abzugeben, könnte ein Teil dieser Energie genutzt werden, um die wachsende Zahl an Elektrofahrzeugen intelligent zu laden. 

 

Lokale Probleme lokal lösen 

Viele Netzengpässe entstehen lokal. Deshalb sollten auch die Lösungen stärker lokal organisiert werden, sodass ein System mit verteilter Steuerungslogik entsteht. Statt Netzengpässe ausschließlich durch zusätzlichen Leitungsausbau zu lösen, sollten Netzbetreiber lokale Flexibilität gezielt beschaffen und einsetzen können. Häufig lässt sich ein Engpass durch intelligente Steuerung günstiger lösen. 

 

Intelligenz am Netzrand 

Ein System mit Millionen Akteuren und zunehmend dynamischem Verhalten braucht eine Architektur, in der viele Entscheidungen dort getroffen werden, wo Informationen entstehen: in Haushalten, Unternehmen, Quartieren und Verteilnetzen. Eine dezentrale Intelligenz reduziert die Komplexität, erhöh die Reaktionsgeschwindigkeit und nutzt vorhandene Ressourcen effizienter.  

 

Das Prinzip ist nicht neu. Das Internet setzte sich gegen das zentral gesteuerte Telefonnetz durch, weil Intelligenz an die Ränder des Netzes verlagert wurde. Während das Netz selbst Daten transportiert, werden die Entscheidungen in den angeschlossenen Endgeräten und Anwendungen getroffen. Diese Architektur machte das Internet innovationsfähig, robust und nahezu unbegrenzt skalierbar. 

 

Mein Fazit 

 

Deutschland hat die Energiewende technisch begonnen, aber systemisch nicht verstanden. Das Energiesystem ist dezentral geworden, seine Steuerlogik bleibt jedoch zentral. Während andere Länder Digitalisierung als eigenständige Infrastruktur begreifen, behandeln wir sie oft noch als Ergänzung. Beim digitalen Denken und der intelligenten Vernetzung gehört Deutschland nahezu in allen Bereichen nicht zu den Vorreitern Europas. Das wirkt sich auch auf die Energiewende aus. 

 

Bleibt die Frage, ob es wirklich an fehlender Technologie liegt. Oder sind die inneren Widerstände gegen Veränderung inzwischen größer als die technischen Herausforderungen selbst? 

 

 

Bereit für den nächsten Schritt? Lassen Sie uns gemeinsam weiterdenken.  

 

Dr. Jürgen Jähnert 
Geschäftsführer bwcon GmbH & bwcon research gGmbH 
+49 160 5838819 
jaehnert@bwcon.de