Die Leistungen der vierten industriellen Welle für den Status Quo
Warum hat sich der Begriff Industrie 5.0 eigentlich etabliert? Machen wir eine kurze Herleitung: Industrie 4.0 steht für die Digitale Transformation der industriellen Produktion. Vernetzte, intelligente Systeme kommunizieren in Echtzeit, organisieren sich teilweise selbst, optimieren Produktionsprozesse datenbasiert und legen den Grundstein für neue Wertschöpfung. Cyber-physische Systeme, das Internet der Dinge, Big Data, Künstliche Intelligenz, moderne Kommunikationstechnologien wie 5G-Campusnetze und Cloud-Infrastrukturen bilden das technologische Fundament der Smart Factory. Additive Fertigung, digitale Zwillinge und Plattformansätze erweitern dabei das industrielle Wertversprechen über das physische Produkt hinaus und eröffnen neue (Wertschöpfungs-)Möglichkeiten entlang des gesamten Produktlebenszyklus bis hin zu einer Nachverwertung der Erzeugnisse hin zu einer Kreislaufwirtschaft.
Vor allem in ihrer Konvergenz ermöglichen hier zahlreiche Technologien die Implementierung von hochflexiblen, automatisierten und effizienten Fertigungskonzepten – bis hin zur Losgröße 1 bzw. Kleinserienfertigung. Die Europäische Kommission1 beschreibt diesen Wandel als „von bolts zu bits“. Also von einer klassischen, physischen Produktion hin zu datengetriebenen, vernetzten Produktionssystemen. Technologisch betrachtet hat Industrie 4.0 damit einiges erreicht und den Weg für Industrie 5.0 geebnet.
Industrie 4.0 bringt nicht (mehr) den erhofften Wandel
Feststellen muss man in diesem Kontext, dass reine technologische Reife notwendig, nicht aber hinreichend ist für strukturellen Wandel einer Industrie. Denn Erfahrungen aus Projekten und Beratungsmandaten von bwcon zeigen mir deutlich, dass Transformation bislang häufig auf den Shopfloor begrenzt bleibt. Industrie-4.0-Technologien werden vielfach in Produktion, Montage, Logistik und Qualitätssicherung eingesetzt, um Effizienz zu steigern, Kosten zu senken und Prozesse zu stabilisieren. Die eigentliche Disruption der Wertschöpfung – etwa durch Plattformökonomie, datengetriebene Ökosysteme oder neue Kooperationslogiken – bleibt oft aus. So können wir hierzulande gegen die stetig besser werdende Konkurrenz aus Fernost nicht bestehen.
Warum setzt keine hinreichende Veränderung ein? Als Erklärungsansatz kann man sicherlich einige Gründe bemühen, die vermehrt externer Natur sind. Globale Krisen, fragile Lieferketten, der demografische Wandel sowie steigende Anforderungen an Nachhaltigkeit und Resilienz stellen Unternehmen vor Herausforderungen. Hinzu kommen ein „konservativer Markt“ oder möglicherweise fehlende Kundenreife.
Gleichzeitig zeigen sich jedoch auch klar interne Faktoren. Viele Organisationen scheuen den Schritt in eine noch nicht vollständig greifbare Zukunft, und auch intern sind Widerstände da. Bestehende Paradigmen vermitteln Sicherheit, während neue Konzepte hohe methodische, organisatorische und kulturelle Anforderungen stellen. Die Transformation wird damit vertagt – nicht nur wegen Unwissen und fehlender Datenkultur, sondern wegen Unsicherheit.
Weiter sehen wir, dass Unternehmen nach der einen neuen Lösung suchen, die die Ausfälle an anderer Stelle weitgehend kompensieren kann. Also ein neues Produkt oder ein neuer Markt als “Heilsbringer”, der dazu beiträgt, dass es im Unternehmensinneren möglichst wenig Veränderungsbedarf gibt. Was aber, wenn es diesen einen Weg nicht gibt? Neue Wertschöpfung entsteht dann, wenn Produkte individualisiert, flexibel und auch in kleinen Stückzahlen bereitgestellt werden können und es prinzipiell ein diversifiziertes Sortiment gibt.
Ganz eindrücklich fällt mir das oft am Beispiel der Automobilbranche auf. Viele Zulieferunternehmen möchten unabhängiger von der Automobilbranche werden und ihre Kompetenzen beispielsweise der Medizintechnik zur Verfügung stellen. Diese Branche folgt aber einer ganz anderen Logik: Maßgeschneiderte Produkte müssen hier, gegebenenfalls sogar als Einzelstücke, zu Kosten der Serienproduktion hergestellt werden. Darin zeigt sich auch der Unterschied zwischen Krise und Transformation. Nach der Krise kommt eine Zeit, in der die “alten” Mechanismen und Strukturen wieder zu auskömmlichen Umsätzen führen. Der Veränderungs- bzw. Anpassungsbedarf ist moderat. In der Transformation kann man davon ausgehen, dass ein “wir sitzen dies aus” und “es wird schon wieder” in den sicheren Untergang führt.
Wir sehen also deutlich, dass technologische Reife nicht automatisch zu strukturellem Wandel führt. Industrie 4.0 war technologiefokussiert bzw. technologiedominiert. Aufbauend auf den technologischen Errungenschaften von Industrie 4.0 rückt Industrie 5.0 daher den Menschen noch stärker in den Mittelpunkt industrieller Systeme, um tatsächlich neue Wertschöpfung zu ermöglichen.
Produktion als sozio-technisches Zusammenspiel und die Sache mit der schöpferischen Zerstörung
Industrie 5.0 markiert einen bewussten Perspektivwechsel. Sie ist der logische nächste Schritt und versteht industrielle Innovation als sozio-technisches Innovationsmodell, das menschliche Fähigkeiten, technologische Systeme und nachhaltige Wertschöpfung bewusst miteinander verzahnt. Sie ergänzt somit das technisch Notwendige um die weiteren Voraussetzungen, die dann hinreichend für einen Wandel sind. Sie stellt die Frage, welche Rolle der Mensch in der zukünftigen industriellen Wertschöpfung einnimmt, wie Organisationen lernfähig und resilient bleiben und wie Unternehmen Verantwortung gegenüber Umwelt und Gesellschaft integrieren.
Die Erkenntnisse der Wirtschaftsnobelpreisträger Joel Mokyr, Philippe Aghion und Peter Howitt zeigen mit ihrer Forschung zum innovationsgetriebenen Wachstum und zur schöpferischen Zerstörung, dass nachhaltige Wettbewerbsfähigkeit nur durch kontinuierliche strukturelle Erneuerung entsteht. Prozesse zu optimieren, reicht nicht aus – Wertschöpfung muss neu gedacht werden. Aber wie? Mit Zusammenarbeit, Lernfähigkeit und Verantwortung.
Provokanter formuliert: Unser Wirtschaftsstandort muss sein Selbstverständnis neu definieren, ansonsten wird es riskant. Technologische Exzellenz allein reicht definitiv nicht aus, um industrielle Wertschöpfung langfristig zu sichern. Die Verliebtheit in technische Details aus den Ingenieursdisziplinen darf uns nicht länger alleinig den Wettbewerbsvorteil sichern. Die Frage ist nicht mehr nur, wie produziert wird, sondern unter welchen gesellschaftlichen, ökonomischen und kulturellen Bedingungen Produktion künftig stattfinden soll. Und hierfür müssen andere Stimmen und Perspektiven – auch im Produktionsumfeld – gehört werden. Das bedeutet, dass Wissen aus der Soziologie, aus der Berufspädagogik, aus der Veränderungspsychologie und aus der der Organisationsentwicklung – also unter Umständen “Neuland” für eine technologiefokussierte Gesellschaft – zu bedeutenden Akteuren industrieller Transformation werden. Man könnte auch sagen: Multidisziplinarität beschrieb in der Vergangenheit den Wunsch nach einem Dialog zwischen “Hardware” und “Software”. Industrie 5.0 weitet diesen deutlich auf.
Industrie 5.0 als Appell
Industrie 5.0 ist daher kein inhaltsloser Trendbegriff. Lasst ihn uns als Appell verstehen, den wir uns selbst geben sollten: Industrielle Innovation gelingt natürlich besser, wenn Technologien konsequent am Menschen ausgerichtet sind und ihm dienen – und wenn Organisationen bereit sind, ihre verkrusteten Rituale, Prozesse und Paradigmen zu hinterfragen und Neuland zu betreten. Führungskräfte und Produktionsverantwortliche in kleinen und mittleren Produktionsunternehmen, die über Industrie 4.0 hinausdenken und ihre Wertschöpfung zukunftsfähig gestalten möchten, sollten daher starkes Interesse an einer neuen industriellen Welle haben. Ansonsten bleibt der gewünschte Fortschritt – in der Größe, die wir uns wünschen und brauchen – aus. Der entscheidende Wandel vollzieht sich nicht im Maschinenpark, sondern in den Denkmodellen, Führungsstrukturen und Wertschöpfungslogiken.
Industrie 5.0 setzt auf Co-Creation statt auf ausschließlich vollständige Automatisierung, auf Werteorientierung statt reiner Effizienzmaximierung. Mensch und Maschine arbeiten kollaborativ – mit klar definierten Rollen, die menschliche Kreativität, Urteilskraft und Verantwortung bewusst einbeziehen.
Eine kulturelle Entscheidung
Unternehmen, die Industrie 5.0 ernst nehmen, gestalten aktiv neue Systeme. Unternehmen, die den Wandel aussitzen, riskieren, von der nächsten Evolutionsstufe überholt zu werden. Bei bwcon ist uns bewusst, dass dieser Schritt nicht einfach ist und das Unwissen lähmt. Mit unserem kostenlosen DigiCheck bieten wir daher eine erste Orientierung. Vereinbaren Sie am besten noch heute einen Termin >>
Kontakt:
Dr. Jürgen Jähnert
Geschäftsführer bwcon GmbH & bwcon research gGmbH
+49 160 5838819
jaehnert@bwcon.de
1 Europäische Kommission, Generaldirektion Forschung und Innovation, “Industry 5.0 Community of Practice (CoP 5.0) – Pilot phase, Nov. 2023 – Oct. 2024. Draft final report”, Brüssel, 2024.